Informationsqualität in der Medizin

(Dieser Text ist zur leichterten Lesbarkeit nicht gegendert.)

 Heute ist es durch das Internet möglich, Informationen  schnell und umfassend zu bekommen. Die Menge der verfügbaren Information übersteigt das Fassungsvermögen eines einzelnen Menschen. Die angebotenen Informationen sind darüber hinaus nicht automatisch auf ihre Treffsicherheit und Ihre Qualität ausreichend und standardisiert überprüft.

Das bedeutet, dass der Leser die Qualität der Information beurteilen muss.  Zur Unterstützung gibt es  jedoch Hilfen, die hier auszugsweise beschrieben werden.

A) Medizinische Information – Laien

In Europa ist im Gegensatz zu den USA direkte Werbung für zb. Medikamente bei Patienten oder der allgemeinen Öffentlichkeit verboten. Medikamente dürfen nur in Fachkreisen (Ärzte, Apotheker etc.) beworben werden. Diese gesetzliche Einschränkung soll rein kommerziell motivierte Interessen bremsen und sicherstellen, dass aufgrund medizinischer Gegebenheiten ein Medikament verschrieben wird.

Frei verfügbare Medikamente ohne Rezeptpflicht  und Kostenersatz durch die Sozialversicherung dürfen aber beworben werden und sind in Zeitungen am Rand gekennzeichnet  mit zb. “Werbung”.

Wie kann ich als Laie sachliche Information von Werbung unterscheiden ?

Die Tabelle hilft bei der Entscheidung: Je öfter sie ja ankreuzen, umso wahrscheinlicher handelt es sich um Werbung.

    Information Werbung
1 Wird etwas zum Kauf angeboten? Nein Ja
2 Werden nur Vorteile genannt ? Nein Ja
3 Ist der Text marktschreirisch? Nein Ja
4 Werden sie aufgefordert, etwas zu tun? Nein Ja
5 Wird ihnen Angst gemacht? Nein Ja
6 Werden sie zur Selbstbehandlung aufgefordert? Nein Ja
7 Fehlen weiterführende Informationen ? Nein Ja
8 Werden vertrauenswürdige Informationsquellen zu den Aussagen genannt? Nein Ja

Weiterführende Information: http://www.iqtg.de/cms/index.asp?inst=iqtg&snr=11034&t=Gesundheitsinformationen+aus+dem+Internet  unter “Woran erkennt man gute Gesundheitsinformationen?”

 

B) Medizinische Information – Professionalsten und Laien

In der Medizin wird von Erkenntnissen gesprochen, die auf wissenschaftlichen Untersuchungen aufbauen. Diese Studien haben unterschiedliche Fragestellungen und Ziele, verwenden eine Vielzahl von Methoden, sind aufwendig bis sehr komplex und daher nicht direkt vergleichbar. Deswegen gibt es  eine Klassifizierung der Aussagekraft. Diese beruht auf den Erkenntnissen der Evidence based medicine (beweisgestüzte Medizin)(EBM), die von David Sackett entwickelt wurde:

http://flexikon.doccheck.com/de/Evidenzbasierte_Medizin

Darunter wird die Versorgung eines Patienten mit Hilfe der besten zur Verfügung stehenden Wissensquellen und Informationen verstanden (eine seit alters her bestehende Selbstverständlichkeit). Neu ist ein strukturiertes Vorgehen zur Umsetzung dieser Forderung.

Ein Arzt soll folgendermaßen vorgehen:

  1. Eine klare Frage steht am Anfang, zb. Welche Therapie ist für einen 80jährigen Mann mit hohem Blutdruck ohne weitere Erkrankungen die beste Wahl?
  2. Suche nach geeigneten Informationsquellen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die diese Frage beantworten können.
  3. Bewertung der gefundenen Arbeiten nach den Graden der Evidenz (siehe unten).
  4. Das gewonnene Wissen anwenden unter Berücksichtigung  der persönlichen Situation des Patienten und seiner Wünsche !
  5. Kontrolle der Entscheidung, ihres Ergebnisses und des Erfolges.

 

Wissenschaftliche Arbeiten kennen unterschiedliche Methoden und Ziele und sind daher nicht einfach vergleichbar. Deshalb gibt es verschiedene Grade der Evidenz:

Grad

Wert

Vorteile / Nachteile

Methodenqualität

A1a Starke Empfehlung, hohe Qualität: (soll) Vorteile überwiegen klar die Nachteile Systematische Übersicht von randomisierten klinischen Studien (RCT)
1b Starke Empfehlung, mittlere Qualität (soll) Vorteile überwiegen klar die Nachteile Eine RCT oder starke Evidenz aus Beobachtungsstudien
1c Starke Empfehlung, niedrige Qualität (soll) Vorteile überwiegen klar die Nachteile Beobachtungsstudien oder Fallserien, Alle-oder-Keiner- Prinzip
B2a Schwache Empfehlung, mittlere Qualität (sollte/kann) Vorteile überwiegen klar die Nachteile Systematische Übersicht von Kohortenstudien
2b Schwache Empfehlung, mittlere Qualität (sollte/kann) Vor- und Nachteile sind ausgeglichen Eine RCT oder Kohortenstudie geringerer Qualität
2c Schwache Empfehlung, niedrige Qualität (sollte/kann) Unsicherheit in der Einschätzung von Vor- und Nachteilen Beobachtungsstudien, Fallserien, outcome research Studien
3a (sollte/kann) Systematische Übersicht von Fallkontrollstudien
3b (sollte/kann) Eine Fallkontrollstudie
C4 (kann) Begrenzte Evidenz Fallserien oder Kohortenstudien geringerer Qualität
D5 (kann) Besser als nichts, oft einzig vorhandenes  Wissen Expertenmeinung, Laborforschung, physiologische Modelle

 

David Sackett hat selbst einfühlsam, mit menschlicher Wärme und Begeisterung seine Erfindung beschrieben, ohne auf die Grenzen zu vergessen: lesenswert ! http://www.ebm-netzwerk.de/was-ist-ebm/leitartikel-sackett

Die EBM hat viel für die Qualitätssicherung in der Medizin gebracht, hat aber auch Grenzen und Nachteile. Der Aufwand, für eine Frage alles durchzuarbeiten und zu bewerten, ist zu hoch, das schafft niemand alleine. Daher gibt es für häufige Erkrankungen Leitlinien, die diese Arbeit machen und öffentlich zur Verfügung stellen, zb. http://www.awmf.org/awmf-online-das-portal-der-wissenschaftlichen-medizin/awmf-aktuell.html

Kritikpunkte sind unter anderem, dass aussagekräftige Studien mit hoher Evidenz nur bei großen Fallzahlen erreicht werden, etwa in der Kardiologie oder Onkologie. Bei selteneren Erkrankungen gibt es keine höchste Evidenz. Zweitens ist die Anwendung der Erkenntnis auf einen individuellen Patienten nicht immer gegeben, weil zb. Begleiterkrankungen vorliegen oder das Wissen ist nicht anwendbar, weil der Patient nicht in der Studie beschrieben wird, zb. Studienergebnisse  bei Erwachsenen können nicht automatisch auf Kinder angewandt werden.

Deswegen ist EBM ein Werkzeug des Qualitätsmanagements und ein Hilfsmittel, aber kein Ersatz für das Eingehen auf den individuellen Patienten und seine Wünsche. Für häufige oder schwere Erkrankungen werden Behandlungskorridore (disease management programme) entwickelt, die leitliniengerechte Versorgungskonzepte umsetzen. Die Gefahr besteht in der Überbewertung der EBM und in der überbordenden Entwicklung von Vorschriften und Richtlinien  unter dem Druck der Ökonomisierung der Medizin. Damit würde das individuelle Wissen des verschreibenden Arztes und die Wünsche und Rechte des Patienten von ökonomisch – juristischen orientierten Vorschriften ausgehebelt.

Alle Bemühungen um Sammlung, Aufbereitung und Veröffentlichung von Daten haben uns enorme Fortschritte gebracht.  Gleichzeitig steigt der Einfluss der virtuellen Welt auf den Menschen immer mehr an, sodass Wissen, eine kritische Haltung im Umgang mit diesen Technologien und klare Regelungen für die Anwendung und die Grenzen der Anwendbarkeit dieser Hilfstechnologien  immer wichtiger werden.

Jänner 2016